Irene Schwonek
Irene Schwonek

  ... Als die Lupins die Lastwagen sehen, checken sie sofort, was

auf Sellmeiers Hof vor sich geht. Sie müssen nicht näher an das Grundstück heranfahren um festzustellen, dass die Tiere in Gefahr sind – was, nach Kims Zeitungsartikel, ja zu erwarten war! Aber für Gefühlsausbrüche ist jetzt keine Zeit. Simon hat sofort einen Plan: „Ich schlage vor, dass sich Anne, Laura und Sabine noch im Hintergrund halten. Lisa, Leo und Nico lenken die Männer ab, damit wir uns“, Simon deutet auf sich, Tobi, Stefan und Alex, „in die Scheune schleichen können.“ Lisa schluckt so laut, dass es jeder hören kann. „Keine Angst, ihr müsst sie nur ein bisschen ablenken, damit wir ungestört in die Scheune kommen. Los jetzt! Wir haben keine Zeit, das auszudiskutieren!“

 

Anne, Laura und Sabine schleichen sich an die Lastwagen heran. Es stockt ihnen der Atem, als sie die regungslosen Hundekörper auf den Ladeflächen entdecken. Sind sie tot? Sabine deutet auf Tinkerbells Pfote, die sich für den Bruchteil einer Sekunde bewegt hat und auch Laura und Anne können sehen, dass vereinzelt Tiere zucken – sie sind also nicht tot – noch nicht, denn wenn nicht gleich etwas passiert, verrecken sie unter der luftabhaltenden Plane. Sie haben nicht den Nerv, sich tatenlos hinter den Lastwagen zu verstecken. Sie müssen was unternehmen!

 

„Dürfen wir mitspielen?“, fragt Lisa unschuldig. Ihr Herz spürt sie im Hals. Berti, Fritz und Rudi lassen vor Schreck die Hasen los, welche sie soeben mühevoll eingefangen haben.

„Was wollt ihr denn hier? Der Kindergeburtstag wurde abgesagt!“, brummt Berti, einen tiefen Zug von seiner Zigarette inhalierend, den Kindern entgegen. Lisa kann sich nicht verstellen. So wie die Männer mit den Hasen und Meerschweinchen umgehen, gelingt ihr das nicht. Sie geht todesmutig auf Berti zu, packt ihn am Muskelshirt, welches gleich aus der Hose heraushüpft und schimpft: „Lasst die Meerschweinchen in Ruhe! SOFORT!“

„Heeee! Was soll das, Kleine!?“, schimpft Berti entsetzt zurück.

 

„Ihr sollt die Tiere in Ruhe lassen!“, brüllt Leo und eilt zu seiner Schwester, während Nico versucht, Wastl den Käfig wegzunehmen, was ihm aber nicht gelingt. Inzwischen bringt Fritz in aller Ruhe einen Käfig mit drei verängstigten Hasen zum Lastwagen und genehmigt sich noch eine kühle Limo aus der Kühlbox.

„Was schreit ihr hier so rum?! Ihr erschreckt uns die Tiere! Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit! Macht euch gefälligst vom Acker!“, schnauzt Berti erneut, was Lisa einfach wegsteckt. Sie ist in Rage und entwickelt gerade ungeahnte Kräfte. „IHR verschreckt die Tiere! Lasst sie gefälligst in Ruhe!“ Wenn sie bloß eine Waffe hätte, mit der sie die Männer dazu zwingen könnte, die Tiere loszulassen!

Das übernehmen Simon, Alex, Stefan und Tobi! Mit jeweils einer Axt, einer Heugabel, einem Spaten und einer Sense ausgestattet, kommen sie wie die vier Musketiere aus der Scheune heraus und bauen sich vor den Tierfängern auf.

„Was soll das denn werden? Drehen jetzt alle hier durch?“, brüllt Berti und greift instinktiv und stressbedingt nach der nächsten Zigarette.

„Lasst sofort die Tiere frei!“, brüllt Simon zurück.

„Wir sind vom Tierheim beauftragt und tun nur unsere Pflicht. Wo liegt euer Problem?“

„VOM TIERHEIM?!“, ertönt es plötzlich hinter der Scheune und hervor kommen drei Mädchen – jede mit einem Gewehr im Anschlag und auf die Tierfänger zielend. Berti und seine Kollegen erstarren zu Stein. Simon, Alex, Stefan und Tobi klappen die Kinnladen herunter.

„Seit wann fängt das Tierheim Haustiere mit Gewehren ein?!“,

fragt Anne kühl. In ihrer Stimme schwingt Entschlossenheit.

„Wenn ihr wirklich vom Tierheim wärt, dann würdet ihr euch um die Hunde kümmern, statt sie auf den Lastwagen verrecken zu lassen!“, motzt Sabine, ebenso kühn wie ihre Schwester.

 

„Was wollt ihr mit den Gewehren?“, fragt Berti schmunzelnd.

„Nach was schaut es denn aus?“, fragt Anne provozierend.

„Na, ohne Betäubungspfeile schaut es nach nicht viel aus“, antwortet Berti immer noch schmunzelnd, während alle ihren Blick in den Gewehrlauf richten. Aber auch Rudi muss genau hinsehen, um zu erkennen, dass in einem der Gewehre tatsächlich noch ein Pfeil steckt – und zwar in dem von Anne. Und damit die Männer nicht übermütig werden, zeigen Laura und Sabine auch noch jede den Pfeil in ihrer Hand her. Sie wissen zwar nicht, wie man die Gewehre damit lädt, aber das wissen die Männer ja nicht.

„Wieso hast du die Gewehre nicht weggesperrt?“, schnauzt Berti seinen Beifahrer an.

„Weil du gesagt hast, dass wir die anderen Tiere einfangen sollen! Räum deinen Scheiß doch selber auf!“, beschwert sich Rudi. Er hat es satt, immer für alles was schief geht, verantwortlich gemacht zu werden. Berti verdreht genervt die Augen: „Ich verliere gleich die Geduld!“

 

Ohne Skrupel richten die Mädchen die Gewehre weiter auf die Männer. Dass einer fehlt, bemerken sie vor Aufregung nicht. Auch die Jungs bemerken es nicht – die haben noch nicht einmal ihren Mund wieder geschlossen, der ihnen beim Anblick der Gewehre aufgeklappt ist.

„Was abt iir mit die Tiere gemakt, iir bastardi!?“, schnauzt auch Laura nun die Tierfänger an.

 

„Nichts, Kindchen, nur ein bisschen betäubt“, antwortet Berti salopp. In diesem Moment startet Fritz den hinteren Lastwagen und haut mit den Hunden ab.

„Pfeif ihn sofort zurück, sonst...!“, schreit Anne Berti ins Gesicht.

„Ich kann nicht pfeifen“, antwortet Berti herausfordernd. Er ist anscheinend der Einzige, der dem Mädchen nicht zutraut, dass es schießen könnte - im Gegensatz zu Wastl und Rudi, die nehmen die Situation sehr ernst und sagen klugerweise kein Wort.

„… Sonst … wirst du es bitter bereuen!“, übernimmt Simon.

Leseprobe aus Kapitel 27

© Irene Schwonek